Der Berliner Traum

Nach der Major-Qualifikation war die Freude groß - und ebenfalls die Frage, wie die Berliner Jungs rund um gob b in Krakau performen. Eigentlich war alles möglich - von einem klaren 0-3 in der Gruppenphase bis zu einem Durchmarsch musste man mit allem rechnen. 


Vor allem nach der Auslosung der Erstrundenpartien wuchs die Skepsis: Mit dem FaZe Clan hat man direkt eines der dicksten Bretter Europas zugelost bekommen. Die Säge musste also von Beginn an sauber laufen und die Zähne scharf sein. Mit dem Mappick von Inferno sollte man eine für den Rest des Majors beinahe surreale Storyline beginnen: Man schlug den EU-Mix mit 16:08 klar und deutlich und alle stellten sich die Frage: War FaZe so schwach, oder BIG einfach so stark?

Ich werde in diesem Artikel auf die Debatte rund um den "Bug-Use" seitens BIG (und anderer Teams!) nicht weiter eingehen. Die Diskussionen darüber sollten ruhig auf reddit und Twitter bleiben. Meiner Meinung nach wird da ein Fass geöffnet, was schon lange Löcher im Boden hatte und demnach gar keines mehr war. Der Bug war lange bekannt, viele haben ihn genutzt. Ende der Geschichte.

Die weiteren Partien der Gruppenphase sollten alle weiter auf Inferno gespielt werden - eine schier unglaubliche Geschichte, wenn man rückblickend bedenkt, dass BIG als Newcomer gegen eines der Top-Teams Europas und die beiden Finalisten der ESL One Cologne 2017 spielen musste. Der Mappick war wohl Aberglaube und Vetoglück in einem. Am Ende stand BIG 3-0 nach der Gruppenphase, mit 3 Siegen auf Inferno gegen FaZe, Cloud9 und das wohl aktuell stärkste Team der Welt von SK Gaming mit der Doppel-AWP aus der Hölle mit FalleN und coldzera. 

Playoff-Hype und Legendenstatus

Die Euphorie war groß nach dem Playoff-Einzug. Erste Major-Teilnahme und direkt den Legend-Spot gesichert. Das große Ziel war also erreicht und alles weitere sollte die Kür werden. Es ging wieder gegen Brasilianer. Es wartete das ebenfalls junge und Major-unerfahrene Team der Immortals auf die Berliner Bärenbande. Wie sich am Ende herausstellen sollte, waren sie die Endstation dieser ersten großen Reise von BIG. Es ist schwer zu sagen, was am Ende den Ausschlag für die Niederlage gab. Auf Cobblestone schaffte man es nach einem 3-12 Halbzeitrückstand noch, das Spiel in die Overtime zu bringen und schlussendlich mit 19:17 zu gewinnen. BIG selbst pickte abermals Inferno. Bereits beim Mapveto bekam ich Bauchschmerzen, ob das nicht einmal zu viel das Glück herausgefordert hat, denn IMT hatte drei Spiele von BIG als Vorlage und konnte demnach auch ziemlich gut kontern, was mit einer 13-2 Führung zur Pause auch deutlich wurde. Die Braslinaner gewannen ebenfalls die Pistolenrunde von Abschnitt Zwei und gewannen am Ende die Map mit 16:07. 

Der Bahnhof der Entscheidung

Der Decider sollte Train werden. Und wenn man sich nicht schon ausreichend geärgert hat  über die sehr deutliche Niederlage auf dem eigenen Mappick Inferno, so konnte man sich nach dieser Map über einige verpasste Gelegenheiten und ungewohnte Fehler ärgern, die BIG am Ende das Spiel gekostet haben. Die Map ging mit 16:14 an die Immortals und für BIG war dieser Bahnhof die Endstation. Viele kleine Fehler gaben hier den Ausschlag, dass die Jungs rund um gob b den Traum vom Finale begraben müssen.

Lehren aus dem Major

Eine Sache hat man gerade am Viertelfinale klar gesehen: Wenn tabseN nicht wie gewohnt performed, dann bekommt BIG Probleme. Auf Inferno stand der chronische Topfragger bis zur 13. Runde mit 0 Frags auf dem Scoreboard. Teilweise wurde das von LEGIJA kompensiert, der eine starke Partie spielte über alle 3 Maps. Aber BIG braucht einen TabseN in Topform, um die ganz hohen Ziele zu erreichen.

Weiterhin ist ein weiterer, beinahe pedantischer Kritikpunkt die AWP von keev, die er in Augen vieler zu unkonstant spielt. Auch bei diesem Major waren wieder Szenen dabei, in denen man sich dabei erwischt, wie man sich fragt: "Warum nur?! Warum machst du diesen Move jetzt?!". Einen Teil kann man sicherlich auf Nervösität schieben, einen anderen Teil vielleicht auf die Natur von keev selbst. Mit dem eisernen Willen, Frags fürs Team erzielen zu wollen, geht er oft zu viel Risiko und reißt damit Lücken - aber auch daran lässt sich arbeiten.

Aber die wichtigste Lehre: gob hat es als Ansager noch immer drauf wie früher, und das hart taktiklastige Spiel ist alles andere als ausgestorben. Seine Reads und Moves sind stellenweise erschreckend gut, die Gameplans in der Regel perfekt zusammengestellt - auch dank Coach und "Teampfleger" kakafu. Auf der Ebene der Ansager ist gob mindestens so legendär und stark wie FalleN - oder ein B1ad3 von Flipside. 

Quo vadis, BIG?

Machen wir uns nichts vor: Für das erste Major und unter Berücksichtigung, dass das Team erst gute 7 Monate zusammenspielt, ist der Erfolg bis heute bahnbrechend: National die mehr oder weniger unangefochtene Nummer 1 vor ALTERNATE aTTaX, international definitiv ein sehr solides T2 Team mit Ausreißern nach oben - und teilweise eben auch unten. Aber wenn die Jungs mit der nötigen Geduld und Ruhe weiter dranbleiben, gepaart mit der Einstellung zur Arbeit von einem Detailfuchs wie gob b, dann ist noch viel möglich in naher und mittlerer Zukunft. 

Der Spot beim nächsten Major ist auf jeden Fall erstmal sicher. Das gibt Sicherheit und sollte die Jungs auch durchweg motivieren, weiter so hart zu arbeiten und die Ziele beim nächsten Major das kleine Stückchen höher zu stecken.

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